Samstag, 18. Februar 2012
Jede Woche wieder
Nur langsam konnte ich aus meinem Bett aufstehen. Ich drehte mich auf meinem Steiß um 90 Grad und setzte dann erst den linken und dann den rechten Fuß auf den Boden. Ich taumelte ein wenig zur Tür. Der Weg kam mir unglaublich lang vor. Beinahe wie ein Marathon, obwohl mein Zimmer gerade einmal vier Meter lang war. Dennoch war ich aus der Puste, als ich die Klinke betätigte. Der Blick in den Flur verhieß nichts Gutes. Eine offene Bierflasche stand genau in meinem Blickfeld. Was soll der Mist? Habe ich die stehen lassen oder einer meiner Mitbewohner? Ich versuchte still zu sein, um vielleicht den Klang eines Fernsehers aus irgendeinem Zimmer wahrzunehemen. Nichts außer dem Rauschen in meinen Ohren. Da ein knarzen. Stand einer auf? Plötzlich vernahm ich von links ein beißendes Geräusch. Es klang als würde jemand Eis kratzen. Johann schnarchte wie ein Berserker. Der Rauch des letzten Abends wird ihm wohl die Schleimhäute endgültig zerstört haben.
Ich zog den Rotz aus der Nase hoch. Richtig fit schien ich auch nicht zu sein. Auf dem Weg ins Badezimmer hielt ich mich an der großen Glasvitrine fest, die unseren Flur schmückte. Zum Einzug hatten wir noch geplant darin Gläser und Spirituosen zu lagern. Wir wollten eine szenige, hippe WG sein. Tatsächlich stand ein Kaffegeschirr aus Omas Zeiten auf dem mittleren Bord und eine fast leere Rolle Geschenkpapier auf dem obersten. Im Bad angekommen hielt ich mich am Waschbecken fest und schaute in den Spiegel. Tatsächlich waren meine Augen weder glasig noch blutunterlaufen. Ich schien doch noch widerstandsfähiger zu sein, als ich dachte. Ich räusperte mich und spuckte das braune etwas ins Wachbecken. Schnell spülte ich mit Wasser nach. Langsam vergeht die Zeit, wenn man alleine erwacht. Niemand ist da, der einem die Lücken des gestrigen Abends mit Inhalt füllen kann. Halb verschwommene Ereignisse, das Haar riecht nach rauch, die Hand klebt. Ich leckte drüber: Jägermeister. Unfertige Bilder des letzen Abends flogen mir durch den Kopf. Ihn zu rekapitulieren war, wie ein Youtube-Video mit einem 256k-Modem anzuschauen. Immer wieder stockte es. Pointen wurden in der Mitte zerrissen, teilweise übersprungen. Wer war das Mädel mit dem du dich unterhieltst und vor allem wie sah sie aus? Sie schien immer ein Pop-Up-Fenster vor dem Gesicht zu tragen. Auch der Körper war verpixelt. Im Bett hatte sie nicht gelegen. Ich muss es wohl versaut haben. Meine Haare lagen noch immer nahezu perfekt. Nur hinten bildete sich durch das Kissen, auf dem ich lag, ein kreisrunder Wirbel. Und wie bin ich nach Hause gekommen? Taxi, Bus? Zu Fuß wohl kaum. Oder war ich bei der Frau und bin dann nach Hause. Ich stand an der Bar und dann stieg ich aus dem Bett. Die Internetleitung in meinem Kopf gab endgültig den Geist auf. Nächsten Freitag auf ein neues. Der heutige Tag gehört dem Reboot.

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